Nachbar-What?

Ab wann kenne ich meine Nachbarschaft? Was bedeutet „kennen“? Kennst du die Menschen von nebenan? Mal ehrlich. So richtig, mit Namen. Und mehr. So, dass sie dir nicht egal sind.

Stell dir vor, du würdest in deiner Nachbarschaft etwas finden, was du später „zweite Familie“ nennst. Wäre das nicht schön? Oder eine Bürde? Zu viel Verantwortung? Konfliktpotenzial? Und trotzdem ein sicherer Hafen, egal, wie das Wetter ist? Das wäre doch einen Versuch wert, oder?

Die Visionen von einem Ort, den es so noch nicht gibt, tragen uns hier in diesem Projekt. Und die Neugier, die Menschen rund um den „Bebel“, vor allem aber die junge Generation der Stadt, besser kennenzulernen. Denn für sie wollen wir den Ort bewahren und befüllen.

Und weil es dabei auch um Stadtentwicklung geht, stelle ich mir das gern anhand des Urban-Design-Konzepts der 15-Minuten-Stadt vor, wie es zum Beispiel auch das SMART-CITY-Projekt für Halle-Neustadt verfolgt: um zu vermitteln, wer in unmittelbarer Nähe wohnt, lernt und wirkt und wie sich Anwohnende einbringen können.

Das Label „15-Minuten-Stadt“ will ein funktionierendes urbanes Ökosystem in fußläufiger Erreichbarkeit sichtbar machen und anregen. Und ich frage mich: Wie weit reicht ein 15-Minuten-Radius um mein Zuhause? Wenn ich laufe wie ein Kleinkind („Da! Eine Schnecke!“), in Eile – weder nach links noch nach rechts schauend, in Gedanken verhaftet und mit peripherem Blick ausweichend – oder mit einem Krückstock („Wo ist die nächste Verschnaufmöglichkeit? Einfach mal hinsetzen, Schwäche zeigen. Soll es das gewesen sein?“).

Wie groß ist also meine 15-Minuten-Stadt? Und wer gehört dazu?

Ich stelle mir vor, am Bebelplatz neben dem ehemaligen Kindertheater zu wohnen. Wenn ich mich in Bewegung setzen würde, 15 Minuten in eine Richtung und dann einmal ganz rundherum, wäre ich nach neun Kilometern und zwei Stunden in ausdauerndem Tempo wieder am Ausgangspunkt – sagt mir ein schneller Blick auf die Karte.

Die Route hätte mich über das Reileck zum Nordfriedhof, in die Innenstadt, an die Saale und über das Landesmuseum wieder zurück zum Bebelplatz geführt. Das ist schon eine kleine Stadt. Dann doch lieber ein Fünf-Minuten-Radius für die Nachbarschaft? Und wenn ich jemanden auf der Straße treffe und mich unterhalte, endet der Radius dann dort? Oder wenn ich mich einmal durchs Haus nebenan klingeln würde?

Apropos: Wer sagt heute eigentlich noch „Westentasche“?

Es ist Winter, abends. Nach 21 Uhr ist zu dieser Jahreszeit in Halle auf den Straßen schon nichts mehr los. Aus eigener Erfahrung wäre ich manchmal gern noch eine Weile nicht zu Hause, sondern unterwegs, unter Leuten, aber auch mal nicht bei anderen zu Hause. Und das, ohne Geld ausgeben zu müssen.

Irgendwo, wo Licht brennt und es warm ist. Ja, so einen Ort stelle ich mir vor. Ich weiß, wer am Eingang steht, grüße und verschwinde in einem der Räume. Weil ich mich spontan verabredet habe, weil ich dort meine Ruhe haben und meiner Leidenschaft nachgehen kann oder weil ich dort immer mit jemandem ins Gespräch komme, Spaß habe und auf andere Gedanken komme.

Es gibt diese Orte der Gemeinschaft in Halle – nicht Arbeit, nicht Zuhause. Sogenannte Dritte Orte. Reingehen und Mensch sein. Orte der Kultur.

Aber immer noch zu wenige von ihnen sind durchgängig konsumfrei, begegnen jungen Menschen auf Augenhöhe und sind zu fast jeder Zeit zugänglich – vor allem, ohne einen direkten Gegenwert zu verlangen. Mein Eindruck ist, dass es auch den etablierten Kulturhäusern, die nicht in erster Linie Jugendorte sind, an Konzepten und Personal für eine kontinuierliche Ansprache und Bindung, vor allem aber an der Öffnung für junge Bedarfe und Ideen fehlt.

Dafür können wir unter dem Arbeitstitel KUBUS ein Labor für Visionen sein, um die Kräfte der Stadt zu bündeln und Wissen weiterzugeben.

Vorgestern haben wir Übermorgen besprochen: Erstmals das Projektteam PLUS kennengelernt. Mein Eindruck nach dem ersten Treffen? Spannende Leute. Die Zeit ist rar. Jede und jeden für sich würde ich gern näher kennenlernen, weil das mein Netzwerk vervielfacht und Gestern und Heute greifbar macht.

Ich gehe in Gedanken das Team durch: Warum sind wir alle hier am Tisch? Mit welchen Ambitionen und Motivationen sind wir mit Kunst und Kultur verwachsen?

Wir entwerfen eine Zeitung von Übermorgen – darüber, was vom laufenden Betrieb im Jahr 2030 zu berichten sein könnte. Nehmen uns gegenseitig mit in die Vision. An den Händen, an den Haaren herbei, elegant und (un-)möglich.

KUBUS will im sinnbildlichen Quadrat erstmals so umfangreich wie nachhaltig das Stadttheater und Akteurinnen und Akteure der Freien Szene in Halle an einem Ort zusammenbringen. In diesem Maße ist es ein Novum. Hier soll ein Ort der Träume mit vereinten Kräften bewahrt werden.

Bauchschmerzen wegen kommender Kompromisse melden sich fast schelmisch. Die Euphorie ist groß, die vielen Geschichten bringen Augen zum Funkeln und Zähne zum Knirschen.

Das ist der Auftakt eines gemeinsamen Projekts, das längst läuft und dessen Tücken bereits unsichtbar ausgebreitet auf dem Tisch liegen. Wir fangen nicht mit einem Neubau auf einer Brache an. Der Ort hat Geschichte. Die Akteurinnen und Akteure sind bereits vor Ort. Die Interessen schleichen durch den Raum. Hände reiben, bis sie wärmen. Reibung, bis die Funken sprühen. Dann kann etwas Neues entstehen.

Und ich bin dabei. Das wird spannend!

Eine weitere Herausforderung: Wie können wir vom Prozess erzählen, ohne auszuschließen? Mitnehmen, ohne direkt einzuladen?

Dafür wirke ich jetzt als Netzwerkerin mit. Wo fange ich damit an? Immer bei mir. Am besten rufe ich ab morgen alle Menschen an, die mir zu dem Thema einfallen, und erzähle ihnen von diesem spannenden Vorhaben. Und Übermorgen.

Wir müssen voneinander wissen, um aneinander zu denken und einander einzubeziehen. Ich melde mich also ab jetzt regelmäßig im Netzwerk und gebe die Botschaft hinein: Hier will etwas Neues entstehen. Wir brauchen Hilfe. Wer will in Zukunft mitmachen?

PS: Womit ich mich gerade beschäftige? Ich bezeichne mich manchmal als Sammlerin. Ich füttere mein Hirn mit den vorhergegangenen Ausarbeitungen zu KUBUS, Keynotes aus den Übermorgen-Zukunfts-Foren, Social Design, Urban Design, Social Turn, Spatial Turn, Spatial Commons, Common Spaces, Gemeinwohlorientierung von Kulturzentren, Nachbarschaftsinitiativen, der Kinderladenbewegung in den 1970er-Jahren, Care Hubs, Detroit, Transition Towns und eigenen Erinnerungen – vom Bauspielplatz über selbstverwaltete Jugendgruppen bis hin zu Stadtteilfesten. Bis die Tabs tanzen, pogen und sich ineinander verfangen.

mg, 30.01.2026

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